5 Dinge die fast jeder glaubt, wenn der Hund nicht alleine bleiben kann
Ich hab so viele Ratschläge bekommen, als Imani noch nicht alleine bleiben konnte. Von Hundeschulen, von Bekannten, aus dem Internet.
Das meiste war gut gemeint. Und das meiste hat nicht geholfen, weil es schlicht nicht stimmte.
Hier sind die fünf Dinge, die ich damals geglaubt habe, und was ich heute darüber weiß.
1. "Ignoriere deinen Hund die ersten zehn Minuten, wenn du nach Hause kommst"
Das war einer der ersten Tipps, den ich bekommen habe. Einfach reinkommen, Schuhe ausziehen, Mantel aufhängen, deinen Hund nicht beachten.
Ich hab das versucht. Imani hat trotzdem an mir hochgesprungen, hat gedrängelt, hat gefiept.
Der Gedanke dahinter klingt logisch: wenn du deinen Hund aufgeregt begrüßt, verstärkst du das Aufgeregte. Aber dieser Tipp löst das eigentliche Problem nicht, er versucht nur die Oberfläche zu glätten.
Was wirklich hilft, ist nicht das Ignorieren beim Heimkommen. Es ist das, was den ganzen Tag über passiert. Wie ruhig ist dein Hund grundsätzlich? Hat er gelernt, sich selbst zu entspannen? Hat er einen Platz, der sich für ihn sicher anfühlt?
Wenn das fehlt, kannst du ignorieren so lang du willst, und der Hund bleibt aufgedreht.
2. "Mehr Bewegung macht deinen Hund ruhiger"
Das ist der Ratschlag, der mich am längsten beschäftigt hat. Weil er so plausibel klingt. Ein ausgelasteter Hund ist ein ruhiger Hund, oder?
Eine meiner Kursteilnehmerinnen hat das ausprobiert. Sie ist täglich mehr gelaufen, hat die Spaziergänge verlängert. Und ihr Hund wurde aufgedrehter.
Was passiert, wenn ein Hund den ganzen Tag in Bewegung, Erwartung und Aktivität ist: er lernt nie, wie er selbst runterfährt. Er gewöhnt sich daran, dass immer etwas passiert. Und wenn dann einmal nichts passiert, weil du gehen willst, ist das für ihn eine Katastrophe.
Hunde brauchen nicht mehr Bewegung. Sie brauchen mehr echte Ruhe. Das klingt simpel, ist aber ein riesiger Unterschied.
3. "Einfach machen lassen, er beruhigt sich schon"
Ich kenne das. Jemand sagt dir: "Stell die Kamera auf, lass ihn alleine, er hört irgendwann auf."
Eine meiner Kursteilnehmerinnen hat das erlebt, bevor sie zu mir kam. Ihr Hund wurde in die Box gesperrt und sollte weinen, bis er aufhört. Was dann wirklich passiert ist: er ist ausgerastet, hat gebellt, geschrien, und sich dabei vollgepinkelt.
Weil er Angst hatte. Nicht weil er störrisch war.
Einem Hund der gerade überflutet ist, kannst du in dem Moment nichts beibringen. Er ist innerlich auf Alarm und kommt da alleine nicht raus. Wenn du ihn trotzdem alleine lässt und einfach wartest, bis er sich beruhigt, lernst du deinem Hund eines: dass Panik irgendwann aufhört. Nicht, dass er sicher ist.
Das ist ein Unterschied, der alles ausmacht.
4. "Das Problem ist das Alleinbleiben"
Wenn dein Hund ausrastet, sobald du die Wohnung verlässt, dann denkt man: das Problem ist das Alleinbleiben. Also übt man das Alleinbleiben.
Aber was ich in meiner Arbeit immer wieder sehe: das Problem entsteht nicht in dem Moment, in dem du gehst. Es entsteht den ganzen Tag davor.
Wie viel Aufmerksamkeit bekommt dein Hund von dir, wenn du zu Hause bist? Wie oft rufst du ihn zu dir? Wie oft streichelst du ihn, sobald er an dich ran kommt? Wie ruhig ist er tagsüber, wenn du da bist?
Wenn dein Hund von morgens bis abends permanent in Kontakt mit dir ist, keine eigene Ruhezone hat und nie gelernt hat, sich selbst zu entspannen, dann ist das Alleinbleiben die letzte Übung, die du anfangen solltest.
Du fängst im Alltag an. Jeden Tag.
5. "Der Hund muss auf seinem Platz liegen, sonst klappt es nicht"
Viele meiner Teilnehmerinnen sind frustriert, wenn ihr Hund sich nicht dorthin legt, wo sie es sich vorstellen. Sie holen den Kauartikel aus der Sicherheitszone raus, sie liegen lieber auf dem Sofa, sie gehen auf die Decke und wieder runter.
Was dann passiert: man fängt an zu korrigieren. Der Hund geht runter, man schickt ihn wieder rauf. Der Hund dreht sich um, man sagt nein. Das wird zu einem Pingpongspiel, und am Ende des Tages ist man genervt, und der Hund hat kein bisschen Ruhe gelernt.
Die Sicherheitszone ist kein Gehorsamkeitskommando. Es ist ein Ort, dem du beibringst, sich gut anzufühlen. Wenn dein Hund dort nicht freiwillig hingeht, liegt es daran, dass der Ort noch nicht positiv genug verknüpft ist, nicht daran, dass dein Hund das falsch macht.
Maren, eine meiner Kursteilnehmerinnen, hat mir irgendwann geschrieben: "Ich hätte nie im Leben gedacht, dass das jemals passiert. Die Box war so verhasst. Und jetzt geht sie immer öfter von alleine rein."
Wir haben die Box nicht auftrainiert. Wir haben sie einfach positiv verknüpft und dann in Ruhe gelassen.
Was du stattdessen brauchst
Du brauchst keinen neuen Tipp. Du brauchst den richtigen Einstiegspunkt.
Bei Imani hat es sechs Monate gedauert. Nicht weil wir besonders schnell oder besonders gut waren, sondern weil wir einen Plan hatten und drangeblieben sind. Auch wenn es Rückschritte gab. Auch wenn es Tage gab, an denen ich nicht mehr daran geglaubt habe.
Die Hunde meiner Kursteilnehmerinnen schlafen heute alleine. Manche davon sind solche, bei denen vorher mehrere Trainer gescheitert sind.
Nicht weil ich etwas besonderes mache. Sondern weil wir beim richtigen Punkt angefangen haben.